9. Die Standardtänze

In der Gruppe der Standardtänze (Walzer/Foxtrott) geht es zunächst einmal darum, dass die Partner mit ihren Körpern eine gemeinsame Spielfigur formen - ein vierbeiniges "Tanzwesen". Diese Spielfigur zu formen und unter allen Umständen beizubehalten, ist die größte Herausforderung innerhalb dieser Gruppe von Spielen.
Die eigentliche Spielaufgabe besteht darin, verschiedene Parcours mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu durchschreiten, bzw. zu durchtanzen, ohne die Spielfigur auseinanderbrechen zu lassen.
Diese Parcours werden "Figuren" genannt.
Damit das klappt, müssen sich die Partner zunächst mit dieser Spielfigur vertraut machen. Sie müssen eine Vorstellung davon entwickeln, wie diese Spielfigur aussieht, wie sie funktioniert, und welche Aufgaben ihnen innerhalb dieser Spielfigur zukommen. Sie müssen lernen, sich in und mit ihr zu bewegen; sie müssen erfahren, wie es sich anfühlt, Teil dieser Spielfigur zu sein.

10. Das Tanzwesen - Spielfigur und Bewegungsmöglichkeiten

Das Tanzwesen ähnelt einem Vierbeiner. Es sieht ungefähr so aus:

Besser wäre es natürlich so, denn hier weiß man sofort, wo der Kopf ist 😉:

...oder ein Kompromiss:

Dort, wo beim Vierbeiner die Wirbelsäule sitzt, stellen die Partner mit Hilfe der Arme eine Verbindung zwischen ihren Körpern her. Diese Verbindung sollte ähnliche Eigenschaften wie eine Wirbelsäule besitzen. Nicht starr, aber auch nicht allzu biegsam.
Unterhalb der Wirbelsäule befindet sich beim Vierbeiner der Bauch. Durch ihn werden Abstand und Position der Vorder- und Hinterbeine so fixiert, dass sie nicht in unterschiedliche Richtungen laufen können.
Da das Tanzwesen keinen Bauch hat, Abstand und Position also nicht automatisch "fixiert" sind, müssen die Tänzer darauf achten, dass ihrer Hüften immer – bei möglichst gleichbleibendem Abstand – parallel zu den Hüften des Partners ausgerichtet sind. Sie müssen also aufpassen, dass "Vorder-" und "Hinterbeine" des Tanzwesens richtig stehen.
Das Hüftgelenk eines Menschen ist jedoch sehr viel beweglicher als das eines Vierbeiners. Für den Fall des Tanzwesens ist das unpraktisch.
Wie bei einem Vierbeiner sollen die Beine des Tanzwesens immer "gleichlaufen". Die Partner dürfen ihre Beine deswegen nur gerade nach vorne und nach hinten schwingen lassen.

Richtig:

Falsch:

Ganz falsch:

Die Partner stehen nicht wie bei einer Polonaise hintereinander, sondern einander gegenüber. Die Körpergelenke lassen sich aber nur in einer Richtung beugen…… also steht zumindest einer der Partner falsch herum. 😉
Wechselt man die Richtung, betrifft das Problem allerdings den anderen Partner. Egal wie rum, es ist immer der rückwärtsschreitende Partner, der das Problem lösen muss. Dazu muss er seine Gelenke (insbesondere Hüft-, Kniegelenk) in ungewohnter Weise strecken, um die Schrittlänge des Rückwärtsschrittes der des Vorwärtsschrittes anzupassen.

 

Tut er das nicht, läuft er Gefahr, auf den Fuß getreten zu werden. Er kann aber nur getreten werden, wenn sein Fuß dort steht, wo er nicht hingehört. 😉

Die Partner stehen nicht exakt gegenüber, sondern leicht rechts versetzt, sodass die Innenseiten der rechten Beine beim Vorwärtsschreiten dicht aneinander vorbeigeführt werden können.

Normaler Schritt mit dem rechten Bein nach vorne:

Die Körper der Partner stehen sich, leicht versetzt, einander zugewandt, normal gegenüber. er gemeinsame Körper ist "entspannt". Das rechte ein des vorwärtsschreitenden partners wird "innen" am Bein des Partners nach vorne geführt.


10.1 Verbindung der Partner - Tanzhaltung

Am stabilsten ist die "Form des Tanzwesens", wenn sich die Verbindung der Partner mit beiden Armen geschlossen wird (für den Anfänger empfohlen!).

Der führende Partner bildet mit seinen Armen ein, leicht nach rechts versetztes, Oval. Dieses Oval ist nach vorne gekippt, so dass eine abfallende Linie von den Schultern, über die Ellenbogen, bis zu den Händen entsteht.
Noch stabiler wird diese Form, wenn man sich vorstellt, man umarme einen dicken Ball, und versucht diesen leicht zusammen zu drücken.
Der geführte Partner begibt sich in dieses Oval, und "hakt" sich dort ein.
Dazu drückt er sein linkes Schulterblatt leicht gegen den rechten Arm des Führenden, auf den er auch seinen linken Arm legt.
Von oben sieht das Ganze ungefähr so aus:

Video | Tanzhaltung | Video auf bebop's game YOUTUBE

Übung:

Ein "Tanzwesen formen", und in verschiedenen Geschwindigkeiten vorwärts und rückwärts gehen, ohne dabei die Form des Tanzwesens zu verändern.

Zuerst mit ausgestreckten Armen, und viel Abstand. Die Schultern des Partners mit den Händen gefasst. Dann beidseitig geschlossen (siehe oben).
Zuerst mit ausgestreckten Armen, und viel Abstand. Die Schultern des Partners mit den Händen gefasst. Dann beidseitig geschlossen (sh. oben). Rückwärts und Vorwärtsschritte durch "Pausen" (ausbalanciert auf der Achse stehen, sh. oben) voneinander trennen, oder mit dem Wiegeschritt verbinden.


10.2 Stehen (Achse)

Die Körper der Tänzer befinden sich in einer "Ruheposition" "auf", oder "über" der Achse (dem Standbein).
Mit anderen Worten: der einzelne Tänzer steht auf einem, das Tanzwesen auf zwei Beinen – möglichst ohne umzufallen. Damit das nicht passiert, muss der Körper über der Achse ausbalanciert werden. Aber nicht "irgendwie", sondern in Form eines Kastens, der auf einer Kante steht, damit die "Einzelteile" des Körpers (Hüfte, Brust, Kopf) nicht verschoben werden. Dies ist ein Unterschied zu den Lateinamerikanischen Tänzen, bei denen derartige "Verschiebungen" zulässig sind.


Diese Art zu stehen hat auch den Vorteil, dass immer klar ist, auf welchem Bein der Partner gerade steht, und natürlich auch, welches Bein frei ist.
Damit erledigt sich die oft zwischen den Partnern diskutierte Frage, wer mit welchem Bein anfängt. Beide mit dem freien Bein. 😉

Video | Achse | Video auf bebop's game YOUTUBE



10.3 Gehen (Schritt)

Bewegt man sich immer nur von einer zur anderen Achse - von einem Bein aufs Andere - und bleibt dabei jedes Mal auf dem Bein stehen, sind das zwar "Schrittbewegungen", aber eigentlich nur "halbe" Schritte.

Video | Halber Schritt | Video auf bebop's game YOUTUBE

Bei "richtigen", oder "ganzen" Schritten wird das Gewicht nicht nur von einer Achse zur nächsten Achse transportiert, sondern immer über die nächsten Achsen hinweg, bis man wieder stehen bleibt. Um einen "ganzen Schritt" zu machen, müsste der Körper also zumindest einmal über eine Achse hinweg transportiert werden, ohne dort zur Ruhe zu kommen.

Wenn die Partner das als Spielfigur tun, bewegt sie sich die Spielfigur im Passgang.

Video | Ganzer Schritt | Video auf bebop's game YOUTUBE


10.4 Passgang

Bei "Vierbeinern" – und zu denen zählt ja unser Tanzwesen - ist der Passgang die Bewegungsart, bei der Vorder- und Hinterbein derselben Seite gleichzeitig eingesetzt werden.
Aus Sicht des einzelnen Tänzers sind das Vorwärts- und Rückwärtsschritte, bei denen das freie Bein (das Schwungbein) auf einer geraden Linie am Stützbein vorbeischwingt.


Um zu bestimmen, ob sich das Tanzwesen gerade "vorwärts" oder "rückwärts" bewegt, nimmt man die Perspektive des Führenden ein.
Wenn also beispielsweise vom "Passgang vorwärts" die Rede ist, handelt es sich dabei um eine Richtungsbestimmung aus der Perspektive des Führenden.

Die fortschreitende Bewegung (oder Bewegungssequenz) wird unterbrochen, wenn man stehen bleibt, und der Körper auf/über der Achse zur Ruhe kommt. Danach beginnt eine neue Bewegungssequenz.
Möchte man vom "Passgang vorwärts", in den "Passgang rückwärts" wechseln, kann man die in die eine Richtung führende Bewegungssequenz erst einmal abschließen, indem man stehen bleibt, und anschließend mit einer neuen Bewegungssequenz in Gegenrichtung beginnen.
Es ist auch möglich, die Richtung zu wechseln, ohne einen Zwischenstopp auf der Achse einzulegen. Dann entsteht ein "Wiegeschritt".


10.5 Wiegeschritt

Beim Wiegeschritt wird das Gewicht nicht ganz über/auf die "Achse" verlagert.
Kurz bevor man diesen Punkt erreicht, wird die Bewegung abgebremst, und der Körper in Gegenrichtung "katapultiert". Dazu verwandelt sich das Stützbein in eine Art Sprungfeder. Kommt der Körper auf der Achse zur Ruhe, handelt es sich immer um den Abschluss einer Bewegungssequenz, auch wenn es danach in Gegenrichtung weiter geht.

Video | Wiegeschritt | Video auf bebop's game YOUTUBE


10.6 Galopp

Eine weitere Bewegungsart die dem Tanzwesen zur Verfügung steht, ist der Galopp. Dazu muss das Tanzwesen allerdings zunächst seine Form ändern und den Kopf einfach umstecken. Jetzt befindet er sich seitlich.


Für die Partner heißt dies, dass sie sich nicht mehr vorwärts und rückwärts, sondern nur noch seitwärts bewegen dürfen.
Aus der Perspektive des Tanzwesens ist der Galopp eine Fortbewegungsart, bei der es sich vom hinteren Beinpaar zum vorderen Beinpaar abdrückt. Dafür steuern beide Partner jeweils ein Bein zu einem gemeinsamen Beinpaar bei.

Aus Sicht des einzelnen Tänzers ist es eine Seitwärtsbewegung, bei der der Körper in Bewegungsrichtung gestoßen wird. Das geht sowohl nach links, als auch nach rechts.


Die Seitwärtsbewegung ist zunächst nicht besonders flüssig. Das freie Bein kann nicht am Stützbein vorbeischwingen, sondern stößt immer mit diesem zusammen.
Um weiter zu kommen, muss jedes Mal das Bein gewechselt werden.
Diesen Beinwechsel, bei dem die Beine nebeneinander – in geschlossener Position - stehen, nennt man kurz "schließen".
Erhöht man das Tempo, verändert sich der Charakter der Seitbewegung. Irgendwann fängt das Wesen an, zu springen. Nun erinnert seine Bewegung an die eines galoppierenden Pferds, daher der Name "Galopp".
Es gibt verschiedene Tänze, bei denen es nur darum geht, sich in dieser Gangart zu bewegen.

Löst man aus der fortlaufenden Seitbewegung eine Bewegungssequenz heraus (Seite/Schließen/Seit), hat man einen vollständigen Seitwärtsschritt, der aber nur möglich ist, wenn in der Mitte des Schrittes das Bein gewechselt wird. Man hat einen "Wechselschritt".

Video | Galopp | Video auf bebop's game YOUTUBE


10.7 Passgangschritt und Galoppschritt im Vergleich

Während ein vollständiger Passgangschritt aus zwei Schrittbewegungen besteht (z.B. Rechts nach vorne, dann den Körper über dieses Bein transportieren, besteht der vollständige Seitwärtsschritt aus drei Schrittbewegungen, da zwischendurch das Bein gewechselt werden muss (auch Wechselschritt). Beispielsweise:

Video | Passgang im Vergleich | Video auf bebop's game YOUTUBE


Übung:
Seitwärtsbewegung nach rechts und links, in verschiedenen Geschwindigkeiten. Erst ganz langsam, dann schneller werden, bis man bei schnellen gesprungenen Bewegungen angekommen ist.


Das vordere Beinpaar des Tanzwesens wird immer auf den betonten Schlag der Musik gesetzt.

Eine dritte Gangart, der Kreuzgang, steht dem Tanzwesen nur im argentinischen Tango zur Verfügung. (siehe dort)





Bewegungsart Galopp




Als eigenständige Tanzform kam der Galopp um 1825 in Deutschland auf. Manchmal wurde er auch als "Preußisch" bezeichnet im Glauben, die rhythmische Dynamik ginge auf das Besenreiten der heidnischen Preußen zurück. Hinsichtlich der Tanzform "Galopp" ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass man das Galoppieren der Pferde einer Jagdgesellschaft nachahmte, als das Besenreiten. Der Galopp wurde mit Chasséschritten getanzt. Der Begriff leitet sich vom franz. "chasser" (Jagen) ab, und mit ihm wurden auch Musikstücke bezeichnet, die das Jagdgeschehen schilderten. "Chassé" bedeutete bei den französischen Tanzmeistern des 16. Jh. meist den Seitschritt eines Fußes, verbunden mit dem Nachziehen des zweiten. Das entspricht in etwa dem, was wir als Fortbewegungsart Galopp beschrieben haben. Heute wird diese Tanzform meist als Polka bezeichnet, abgeleitet von der Musik, die ebenso Polka genannt wird und sich ausgezeichnet dazu eignet, sich im Galopp zu bewegen.
So schwungvoll sich eine Galoppbewegung zur Polkamusik auch anfühlen mag, für die meisten europäischen Gesellschaftstänze ist diese Art sich zu bewegen ein bisschen zu heftig. Fast zwangsläufig fängt man an, wie ein Pferd im Galopp zu springen. Streng genommen müssen wir den gesprungenen Galopp deshalb den bäuerlichen Tänzen zuordnen. Die machen natürlich Spaß, galten jedoch über lange Zeit als nicht vornehm. Es wurden ihnen zwar Bewegungsmöglichkeiten entlehnt, die dann aber den herrschenden Bewegungsidealen angepasst wurden. Man nannte das "verfeinern". Heute begegnen wir gesprungenen Bewegungsabläufen vor allem in einigen Platztänzen, wie dem "Doppellindy", dem "Jive", und dem "Quickstep".
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