1. Tanz ist Spiel


2. Führen / Geführt werden

1. Tanz ist Spiel

Bewegungen sind wesentlicher Bestandteil dieses Spiels, oder besser: dieser Spiele.
Innerhalb dieser Spiele gelten festgelegte Regeln, auf die sich die Spieler für die Dauer des Spiels einlassen.
Hält man sich an diese Regeln, entsteht zeitlich begrenzt eine Art fiktionaler Realität, die für den Tänzer körperlich spür- und erlebbar ist. Man bewegt sich anders, nicht alltäglich, weil man bei dem, was man tut, nicht alltäglichen Regeln folgt.
Wie bei anderen Spielformen gibt es einfache und komplizierte Spiele. Für einige braucht es viel Erfahrung und Geschicklichkeit, andere kann man schon nach einer kurzen Erklärung spielen.
Hat man noch nie getanzt, ist es sinnvoll erstmal mit einfachen Tänzen zu beginnen, um Spielerfahrung zu sammeln.
Es ist wie beim Kartenspielen, man kann „Mau-Mau“ oder „Bridge“ spielen.
Aber: Beginnt man gleich mit Bridge, kann es passieren, dass man vor lauter Regeln und Vorschriften schnell die Lust am Kartenspielen verliert. Da kommt „keine Freude auf“, die gehört aber genuin zum Spiel.

"Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und dem Bewusstsein des „Andersseins“ als das „gewöhnliche Leben". s. Huizinga, Johan: "Homo ludens" (1938), S. 37


1.1 Spielidee Latein oder Standard

Die auf gleichen, oder sehr ähnlichen Spielideen basierenden, auf öffentlichen oder privaten Veranstaltungen getanzten Tänze, nennt man Gesellschaftstänze.
Diese Tänze werden paarweise getanzt.
Die Spieler konkurrieren nicht miteinander, sondern schlüpfen in unterschiedliche Rollen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: sich auf eine spezifische Art im Raum zu bewegen. Blickt man von außen auf das Spielgeschehen, ist es oft schwer zu erkennen, worum es bei diesen Spielen geht, warum sich die Spieler so, und nicht anders bewegen. Die nächstliegende Erklärung ist: Sie bewegen sich so, weil sie Tango, oder Walzer tanzen.

Das stimmt zwar, führt aber manchmal zu der irrtümlichen Annahme, man könne oder müsse, um Walzer oder Tango zu tanzen, lediglich die sichtbaren Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen imitieren.
Aber dies funktioniert genauso wenig wie bei anderen Spielen. Die Tänzer sind Spielfigur und Spieler / Spielerinnen zugleich.
In ihrer Rolle als gemeinsame Spielfiguren werden ihnen (wie einer Schachfigur) innerhalb eines Spiels nur bestimmte räumliche Bewegungsmöglichkeiten zugestanden, andere sind verboten.

Diese Informationen findet der Spieler in den Spielregeln. Dort steht beispielsweise, dass er pro Spielzug immer nur drei aufeinanderfolgende Schritte machen, oder sich nur auf eine bestimmte Art und Weise bewegen darf.
Nun geht es darum, gemeinsam bestimmte Spielzüge auszuführen.
Hier teilen sich die Gesellschaftstänze in zwei Gruppen auf: 1. Standard-, oder Fortbewegungstänze wie Walzer und Foxtrott, und 2. Lateinamerikanische Tänze, oder Platztänze wie Salsa, Rumba, oder auch Swing.

1. In der Gruppe der Standardtänze formen/bauen die Spieler eine gemeinsame Spielfigur, einen gemeinsamen Tanzkörper. Dieser Spielfigur soll in der Lage sein, eine limitierte Anzahl von Spielzügen möglichst "reibungslos"/ "optimal" ausführen zu können. Das geht nur wenn alle (Bau-)Teile der Sielfigur ineinanderpassen, und zusammenarbeiten - wie die Teile eines Uhrwerks.
Damit der Tanzkörper sich nicht blind im Raum bewegt, übernimmt ein Partner die Aufgabe ihn zu lenken, zu entscheiden, welche Spielzüge gemacht werden sollen, bzw. welche aufgrund der räumlichen Situation möglich sind. Der andere Partner / Partnerin hat die Aufgabe, sich lenken zu lassen, den Führungsimpulsen möglichst direkt zu folgen, damit die Bewegung nicht ins Stocken gerät.

2. In der Gruppe der Lateinamerikanischen Tänze behalten die Partner ihre Eigenständigkeit.
Die Spielfigur des geführten Partners hat die Aufgabe, eine bestimmte festgelegte Bewegungssequenz zu wiederholen. Wie diese Sequenz aussehen soll, ihre zeitliche und räumliche Organisation, ist in den Spielregeln festgelegt. Die Aufgabe des Führenden ist es, in diesen Bewegungsablauf einzugreifen, und die räumlichen Bewegungen seines Partners umzulenken. Nach solchen "Unterbrechungen" kehrt der geführte Partner freiwillig wieder auf seinen ursprünglichen Platz, seine ursprüngliche Position, in seine Grundbewegung zurück. Unabhängig von Gruppe 1 oder 2 gewährleistet ein klar abgesteckter zeitlicher Rahmen die Koordination der beiden Partner. Dieser dient gleichzeitig als Orientierungshilfe für den Führenden, wann und wo es am sinnvollsten ist, in den Bewegungsablauf des Partners einzugreifen. Auch hier stehen den Spielern nur eine begrenzte Anzahl möglicher Spielzüge zur Verfügung, die es immer neu zu variieren gilt.

Unabhängig von Gruppe 1 oder 2 gewährleistet ein klar abgesteckter zeitlicher Rahmen die Koordination der beiden Partner. Dieser dient gleichzeitig als Orientierungshilfe für den Führenden, wann und wo es am sinnvollsten ist, in den Bewegungsablauf des Partners einzugreifen. Auch hier stehen den Spielern nur eine begrenzte Anzahl möglicher Spielzüge zur Verfügung, die es immer neu zu variieren gilt.


2. Führen / Geführt werden

Ein Partner „führt“, der andere „wird geführt“.

Aufgabe des Führenden ist es, die räumlichen Bewegungen seines Partners zu lenken und zu beeinflussen. Dazu stehen ihm allerdings nur nonverbale Mittel, wie "sanft" schubsen, schieben oder ziehen zur Verfügung.
Ob das gelingt, hängt allerdings nicht nur von ihm, sondern auch vom Verhalten seines Partners ab. Wenn der nicht will, oder die nonverbale Überzeugungskraft des Führenden nicht ausreicht, kommt es zur Unterbrechung des Spiels.
Aber gehen wir nochmal einen Schritt zurück.
Der Führende muss natürlich sinnvolle Impulse geben. Um das zu können, muss er wissen, welche Bewegungseigenschaften die Spielfigur seines Partners hat, oder anders ausgedrückt: er muss wissen - oder fühlen - ob er einen Ball, einen Garderobenständer, oder eine Tür "schubst", muss wissen, ob er ein Fahrrad, ein Auto oder einen Roller lenken soll.
Nur wenn das klar ist, kann die führende Person sinnvolle Impulse geben.
Natürlich weiß er, dass er seinen Partner schubst 😉. Nur reicht das nicht aus, denn im Gegensatz zu Fahrrädern oder Garderobenständern hat der Partner die Möglichkeit, ganz unterschiedlich zu reagieren. Das kann zu völlig unerwarteten Ergebnissen führen. Nur reicht das nicht aus, denn im Gegensatz zu Fahrrädern oder Garderobenständern hat der Partner die Möglichkeit, ganz unterschiedlich zu reagieren. Das kann zu völlig unerwarteten Ergebnissen führen.
Um das zu vermeiden, muss der geführte Partner seinem Körper eine bestimmte Form geben, die auf den gleichen Impuls immer gleich, oder zumindest ähnlich reagiert.
Er oder Sie muss diese Form im wahrsten Sinne des Wortes körperlich „ausbilden“, sich mit ihren Bewegungsmöglichkeiten vertraut machen, und diese so verinnerlichen, dass es ihm möglich ist, ohne Umweg über das Bewusstsein, direkt, ohne nachzudenken, zu reagieren. Er muss zur Spielfigur werden.
Je „spezieller“ die Form, je „spezieller“ die Bewegungseigenschaften der Spielfigur, desto ungewöhnlichere Dinge sind möglich.

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